Die zweite Vermessung der Camperwelt
13. Juni 2014
Walkenried, 18.48 Uhr
Wir brechen auf, die Expedition beginnt. Wir reisen in eine Welt, die von vielen Mythen, Legenden und mündlichen Berichten beschrieben wird, deren Wahrheitsgehalt aber mehr als fraglich ist. Nachdem wir das Sozial- und Balzverhalten der Flachlandcamper untersucht haben, ihre Rituale und Behausungen erkundet und ihre Sprachgewohnheiten und ihre Abstammung erforscht haben (siehe Die Reise in das Herz der Finsternis) gilt unser wissenschaftliches Interesse in diesem Jahr den Bergvölkern. Ein Campingplatz im Oberharz soll uns in den kommenden Wochen als Basislager für die Erkundungstouren dienen.
Der Navigator hat sich für den Aufstieg über die L 600 entschieden. Die unendlichen Buchenwälder werden durch einzelne Wiesen unterbrochen. Die Vegetation ist noch fortgeschritten, noch besiedelt kein Vieh die Matten. In Zorge schmiegt sich die Straße an den Lauf des gleichnamigen Flusses. Lins und rechts der Straße durch das schmale Tal sind kleine Häuser an die Hänge geklebt. Doch der Ort scheint ausgestorben. Nur zwei Eingeborene haben sich vor einem ehemaligen Kolonialwarenladen getroffen und halten offensichtlich Ratschlag.
Hinter Zorge schlängelt sich ein schmaler Pfad in unzähligen Kurven und Kehren den Berg hinauf. Von links reichen einzelne Felsen in die Straße hinein, rechts stürzt das Gelände in Richtung Zorge-Quelle ab, die baumfreie Wiese bietet schöne Aussichten. Es ist aber vor allem der Zustand der Fahrbahn, der Erinnerungen an Touren durch die Anden wachruft. Die Stoßdämpfer werden an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt, die Tachonadel kriecht nur selten über die 30-er Marke.
L 600, 19.06 Uhr
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Am Nullpunkt herrscht ganzjährig ein
raues Klima. Foto: wikimedia/Hejkal
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Hinter der Einmündung der L 601 wird der Zustand der Fahrbahn deutlich besser und breiter. Wir können an Tempo zulegen. Schließlich müssen wir vor dem Einbruch der Dunkelheit das Basislager erreichen. Doch von zufälligen Weggefährten sind weit und breit keine Spuren zu finden. Reisende trifft man hier oben in den Bergen nur selten.
Die Fauna hat sich verändert. Die Bergwiesen sind verscwunden, der Mischwald wurde vom Nadelwald abgelöst. Die Fichte Dominiert das Landschaftsbild. Nur sie kann in diesem rauen Klima und in diesem kargen Verhältnissen gedeihen. Längst der Strecke reiht sich über Kilometer hinweg ein Baum an den anderen. Die flachstehende Sonne ist hinter den Wipfeln verschwunden. Wir müssen selbst jetzt, Mitte Juni und wenige Tage vor Sommerbeginn, das Licht anschalten.
Unzählige Kurven fordern immer noch höchste Lenkkünste, doch mit dem Pass am Hinteren Ebersberg haben wir eine kleine Hochebene erreicht und die Schluchten hinter uns gelassen. Einige Holzhütten am Wegesrand zeugen von einer einstigen Besiedlung und von Eisenbahnverkehr in vergangenen Zeiten. Doch der ehemalige Bahnhof ist seit mehr als 50 Jahren außer Betrieb.
Braunlage, 19.12 Uhr
Kurz vor Braunlage erreichen wir die Bundesstraße 4, eine Handelsroute aus alten Zeiten, die den hohen Norden mit dem fernen Frankenland verbindet und hier den Harz überquert. Von Süden kommen zwei Fahrzeuge, die wohl ins heimische Brunswick zurück wollen. Wir schließen uns ihnen an, doch schon am Anstieg zum Königskrug fällt unsere kleine Karawane auseinander. Die Gefährten aus dem Flachland können unserem Tempo nicht mehr folgen, uns drängt die Zeit. Schließlich müssen wir vor dem Einbruch der Dunkelheit das Basislager erreichen.
Wir setzen unseren Weg Richtung Westen fort, der untergehenden Sonne nach. Am Oderteich stehen vier Radfahrer in bunten Gewändern. Wir vermuten, dass sie in den Abendstunden einem seltenen Kult huldigen wollen. Doch für Nachfragen bleibt uns keine Zeit.
Am baumlosen Sonnenberg vorbei erreichen wir schnell die Stieglitzecke, das GPS zeigt 51.767821 N, 10.466624 O und 820 Höhenmeter an. Der höchste Punkt unserer Tour ist erreicht. Wir sind erleichtert. Nun können wir den Motor schonen, es geht nur noch bergab.
Clausthal-Zellerfeld, 19.28 Uhr
Wir erreichen die Hochebene um die alte Bergwerksstadt. Ein eisiger Westwind weht über die kahle Landschaft, es hat sich deutlich abgekühlt, das Thermometer zeigt eine Temperatur nur knapp im zweistelligen Bereich an. Die Wolkendecke ist aufgerissen und eine fahle Sonne verteilt ihre letzten Strahlen. Der klare Himmel verspricht sinkende Temperaturen für die kommende Nacht.
Wieder hat sich die Flora geändert. Bunte Wiesen, Teiche und wenige Laubbäume täuschen eine liebliche Landschaft und ein angenehmes Klima vor. Einzelne Rindviecher sind am Horizont zu sehen. Offensichtlich wird in dieser Region Landwirtschaft als Subsistenzwirtschaft betrieben. Wir folgen der Beschilderung und der letzte Abschnitt der Strecke führt an einem verfallenden Bauernhof und durch ein kleines Nadelgehölz zu unserem Basislager am einem Bergsee.
Tammo sagt: "Hier wohnen Hänsel und Gretel". Ich vermute eher, dass wir irgendwo auf dem letzten Kilometer unbemerkt ein Zeitportal passiert haben, dass uns 35 Jahre zurückgeworfen hat.
Die erste Studie
Abschnitt zwei: Wo Hänsel und Gretel einkaufen

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