Samstag, 28. Juni 2014

Wo Hänsel und Gretel einkaufen

Die zweite Vermessung der Camperwelt - Abschnitt zwei


Abschnitt eins: Wo Hänsel und Gretel wohnen

Clausthal-Zellerfeld, 19.35 Uhr

Die Katastrophe ist da. Der Vortrupp hat schlampig gearbeitet, das Zeltdach ist eingerissen. Die Ursache ist schnell gefunden. Beim Aufstellen in der Vorwoche wurde keine Dose Ravioli und keine Bier am Lagerplatz hinterlassen. Das verstößt gegen die DIN und erzürnt die Camping-Götter. Die Strafe folgte auf dem Fusse: Riss und eindringendes Wasser im Vorzelt.
Wir müssen das Leck unbedingt schnell abdichten. Aber es findet sich kein geeignetes Material.

Clausthal-Zellerfeld, 19.43 Uhr

Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Ich entschließe mich, bereits heute Kontakt mit den Eingeborenen aufzunehmen. Ich mich auf den Weg zum nächsten Handelsposten.
Ich werde bald fündig. Am Ende einer kopfsteingepflasterten Allee und an einem stillgelegten Bahnhof steht das Gebäude mit Wellblechdach. Der Hof ist menschenleer, doch drinnen brennt Licht.
Das Angebot ist überraschend groß. Hier kann der Bergbewohner alle Artikel des alltäglichen Lebens im Tausch erwerben. Sogar Schlittenhundefutter gibt es in großer Auswahl. Ich finde die gewünschten Waren, strebe zu Kasse und werde wieder mit dem sprachlichen Defiziten der Oberharzer konfrontiert. Die Redewendung "Ach,Sie haben ja nur zwei Teile, gehen Sie doch vor" ist in dieser Region gänzlich unbekannt. , dass ich wirklich immer Oberharz bin. An der Kasse stelle ich fest, dass im Oberharz weder mit Muscheln noch mit Biberfellen getauscht wird. Die Zahlungsrituale unterscheiden sich nicht mehr von denen im Flachland. Auch zwei Dosen Bier werden gern mit EC-Cash beglichen.

Clausthal-Zellerfeld, 20.12

Hier genießen Hänsel und Gretel ihren 
Ruhestand.  Foto:tok
Nachdem wir den Dachschaden und andere Schäden beseitigt haben, unternehme wir einen Erkundungsgang durch das Basislager vor. Wir sind nicht die Einzigen, diesen Ort zum Ausgangspunkt für weitere Forschungsgänge gemacht haben. Zwischen den Fichten und Büschen sind andere Zelte und Wohnwagen zu erkennen.
Dann führt mich Tammo zum Geheimnis des Lagers: Der Wohnwagen von Hänsel und Gretel. Von Wagen kann eingenlich nicht mehr die Rede sein. Das Gefährt wurde offensichlich schon seit Jahren nicht mehr bewegt.Im Laufe dieser Zeit wurde es gänzlich umbaut. So ist unter anderem die Sattelitenschlüssel festinstalliert und ein Geräteschuppen wurde auch auf die Parzelle gestellt. Über dessen Inhalt kann man derzeit nur Spekulationen anstelle.
 Die Parallelen zu  den Flachlandcamper sind nicht zu übersehen (siehe hier). Ob es sich um eine zufällig gleichzeitige und gleichgerichtete Entwicklung handelt oder ob es einen kulturellen Austausch zwischen der Lüneburger Heide und dem Oberharz und damit eine Kommunikation zwischen den beiden Ethnien gibt, werden wir in den kommenden Wochen noch näher erforschen. Doch dies ist erst der Anfang der märchenhaften Entdeckungen, aber später mehr davon.
Das Gelände war ursprünglich mal eine Bergwiese. Nach Westen hinten wird sie stark abschüssig und endet an einem Tümpel mit viel Binsen und Gequacke.Das Gewässer soll Teil des Weltkulturerbes sein.Wenn Schlamm und Stechmücken die Hinterlassenschaft der Menschheit sind, dann möchte ich ganz schnell den Planeten wechseln.
Verkohlts Holz und rußgeschwängerte Stein geben Zeugnis davon, dass die Bergbewohner wohl schon vor längerer Zeit das Feuer gebändigt haben. Die Vielzahl der Feuerstellen deutet daraufhin, dass die Nahrungszubereitung am offenen Feuer bei den Bergwölkern wohl einen hohen Stellenwert genießt. Welche Rolle dabei der Verzehr von vergrillten Fleisch einnimmt, werden wir in einer gesonderten Untersuchung näher betrachten.

Clausthal-Zellerfeld, 20.42 Uhr

In einer Hütte im Osten des Geländes, in der Nähe der Schranke brennt noch Licht. Wir folgen der Einladung und treten zum zweiten Mal an diesem Tag durch ein Zeitportal. Die Gegend scheint mit außergewöhnlichen Phänomen gesegnet. Ich vermute,das Außerirdische hier am Werke sind und beschließe bei der Rückkehr zu unserem Lagerplatz mein Handtuch in Griffnähe zu behalten.

Zur Bedeutung des Handtuchs im interstellaren Verkehr siehe "Per Anhalter durch die Galaxis".




Sonntag, 22. Juni 2014

Wo Hänsel und Gretel wohnen

Die zweite Vermessung der Camperwelt


13. Juni 2014

Walkenried, 18.48 Uhr

Wir brechen auf, die Expedition beginnt. Wir reisen in eine Welt, die von vielen Mythen, Legenden und mündlichen Berichten beschrieben wird, deren Wahrheitsgehalt aber mehr als fraglich ist. Nachdem wir das Sozial- und Balzverhalten der Flachlandcamper untersucht haben, ihre Rituale und Behausungen erkundet und ihre Sprachgewohnheiten und ihre Abstammung erforscht haben (siehe Die Reise in das Herz der Finsternis) gilt unser wissenschaftliches Interesse in diesem Jahr den Bergvölkern. Ein Campingplatz im Oberharz soll uns in den kommenden Wochen als Basislager für die Erkundungstouren dienen.
Der Navigator hat sich für den Aufstieg über die L 600 entschieden. Die unendlichen Buchenwälder werden durch einzelne Wiesen unterbrochen. Die Vegetation ist noch fortgeschritten, noch besiedelt kein Vieh die Matten. In Zorge schmiegt sich die Straße an den Lauf des gleichnamigen Flusses. Lins und rechts der Straße durch das schmale Tal sind kleine Häuser an die Hänge geklebt. Doch der Ort scheint ausgestorben. Nur zwei Eingeborene haben sich vor einem ehemaligen Kolonialwarenladen getroffen und halten offensichtlich Ratschlag.
Hinter Zorge schlängelt sich ein schmaler Pfad in unzähligen Kurven und Kehren den Berg hinauf. Von links reichen einzelne Felsen in die Straße hinein, rechts stürzt das Gelände in Richtung Zorge-Quelle ab, die baumfreie Wiese bietet schöne Aussichten. Es ist aber vor allem der Zustand der Fahrbahn, der Erinnerungen an Touren durch die Anden wachruft. Die Stoßdämpfer werden an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt, die Tachonadel kriecht nur selten über die 30-er Marke.

L 600, 19.06 Uhr


Am Nullpunkt herrscht ganzjährig ein 

raues Klima. Foto: wikimedia/Hejkal
Am Nullpunkt erreichen wir die erste Passhöhe am Hinteren Ebersberg. Das GPS zeigt 51° 40′ 47″ N, 10° 37′ 7″ O und 603,4 Höhenmeter an. Der Wagen hat den Aufstieg gut verkraftet. Der Vortruppe hatte bereits in der vergangenen Woche Material, Verpflegung und Zelt in das Basislager gebracht.
Hinter der Einmündung der L 601 wird der Zustand der Fahrbahn deutlich besser und breiter. Wir können an Tempo zulegen. Schließlich müssen wir vor dem Einbruch der Dunkelheit das Basislager erreichen. Doch von zufälligen Weggefährten sind weit und breit keine Spuren zu finden. Reisende trifft man hier oben in den Bergen nur selten.
Die Fauna hat sich verändert. Die Bergwiesen sind verscwunden, der Mischwald wurde vom Nadelwald abgelöst. Die Fichte Dominiert das Landschaftsbild. Nur sie kann in diesem rauen Klima und in diesem kargen Verhältnissen gedeihen. Längst der Strecke reiht sich über Kilometer hinweg ein Baum an den anderen. Die flachstehende Sonne ist hinter den Wipfeln verschwunden. Wir müssen selbst jetzt, Mitte Juni und wenige Tage vor Sommerbeginn, das Licht anschalten.
Unzählige Kurven fordern immer noch höchste Lenkkünste, doch mit dem Pass am Hinteren Ebersberg haben wir eine kleine Hochebene erreicht und die Schluchten hinter uns gelassen. Einige Holzhütten am Wegesrand zeugen von einer einstigen Besiedlung und von Eisenbahnverkehr in vergangenen Zeiten. Doch der ehemalige Bahnhof ist seit mehr als 50 Jahren außer Betrieb.

Braunlage,  19.12 Uhr

Kurz vor Braunlage erreichen wir die Bundesstraße 4, eine Handelsroute aus alten Zeiten, die den hohen Norden mit dem fernen Frankenland verbindet und hier den Harz überquert. Von Süden kommen zwei Fahrzeuge, die wohl ins heimische Brunswick zurück wollen. Wir schließen uns ihnen an, doch schon am Anstieg zum Königskrug fällt unsere kleine Karawane auseinander. Die Gefährten aus dem Flachland können unserem Tempo nicht mehr folgen, uns drängt die Zeit. Schließlich müssen wir vor dem Einbruch der Dunkelheit das Basislager erreichen.
Wir setzen unseren Weg Richtung Westen fort, der untergehenden Sonne nach. Am Oderteich stehen vier Radfahrer in bunten Gewändern. Wir vermuten, dass sie in den Abendstunden einem seltenen Kult huldigen wollen. Doch für Nachfragen bleibt uns keine Zeit.
Am baumlosen Sonnenberg vorbei erreichen wir schnell die Stieglitzecke, das GPS zeigt 51.767821 N, 10.466624 O und 820 Höhenmeter an. Der höchste Punkt unserer Tour ist erreicht. Wir sind erleichtert. Nun können wir den Motor schonen, es geht nur noch bergab.

Clausthal-Zellerfeld, 19.28 Uhr

Wir erreichen die Hochebene um die alte Bergwerksstadt. Ein eisiger Westwind weht über die kahle Landschaft, es hat sich deutlich abgekühlt, das Thermometer zeigt eine Temperatur nur knapp im zweistelligen Bereich an. Die Wolkendecke ist aufgerissen und eine fahle Sonne verteilt ihre letzten Strahlen. Der klare Himmel verspricht sinkende Temperaturen für die kommende Nacht.
Wieder hat sich die Flora geändert. Bunte Wiesen, Teiche und wenige Laubbäume täuschen eine liebliche Landschaft und ein angenehmes Klima vor. Einzelne Rindviecher sind am Horizont zu sehen. Offensichtlich wird in dieser Region Landwirtschaft als Subsistenzwirtschaft betrieben. Wir folgen der Beschilderung und der letzte Abschnitt der Strecke führt an einem verfallenden Bauernhof und durch ein kleines Nadelgehölz zu unserem Basislager am einem Bergsee.
Tammo sagt: "Hier wohnen Hänsel und Gretel". Ich vermute eher, dass wir irgendwo auf dem letzten Kilometer unbemerkt ein Zeitportal passiert haben, dass uns 35 Jahre zurückgeworfen hat.


Die erste Studie

Abschnitt zwei: Wo Hänsel und Gretel einkaufen