Die zweite Vermessung der Camperwelt - Abschnitt zwei
Abschnitt eins: Wo Hänsel und Gretel wohnen
Clausthal-Zellerfeld, 19.35 Uhr
Die Katastrophe ist da. Der Vortrupp hat schlampig gearbeitet, das Zeltdach ist eingerissen. Die Ursache ist schnell gefunden. Beim Aufstellen in der Vorwoche wurde keine Dose Ravioli und keine Bier am Lagerplatz hinterlassen. Das verstößt gegen die DIN und erzürnt die Camping-Götter. Die Strafe folgte auf dem Fusse: Riss und eindringendes Wasser im Vorzelt.
Wir müssen das Leck unbedingt schnell abdichten. Aber es findet sich kein geeignetes Material.
Clausthal-Zellerfeld, 19.43 Uhr
Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Ich entschließe mich, bereits heute Kontakt mit den Eingeborenen aufzunehmen. Ich mich auf den Weg zum nächsten Handelsposten.
Ich werde bald fündig. Am Ende einer kopfsteingepflasterten Allee und an einem stillgelegten Bahnhof steht das Gebäude mit Wellblechdach. Der Hof ist menschenleer, doch drinnen brennt Licht.
Das Angebot ist überraschend groß. Hier kann der Bergbewohner alle Artikel des alltäglichen Lebens im Tausch erwerben. Sogar Schlittenhundefutter gibt es in großer Auswahl. Ich finde die gewünschten Waren, strebe zu Kasse und werde wieder mit dem sprachlichen Defiziten der Oberharzer konfrontiert. Die Redewendung "Ach,Sie haben ja nur zwei Teile, gehen Sie doch vor" ist in dieser Region gänzlich unbekannt. , dass ich wirklich immer Oberharz bin. An der Kasse stelle ich fest, dass im Oberharz weder mit Muscheln noch mit Biberfellen getauscht wird. Die Zahlungsrituale unterscheiden sich nicht mehr von denen im Flachland. Auch zwei Dosen Bier werden gern mit EC-Cash beglichen.
Clausthal-Zellerfeld, 20.12
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Hier genießen Hänsel und Gretel ihren
Ruhestand. Foto:tok
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Dann führt mich Tammo zum Geheimnis des Lagers: Der Wohnwagen von Hänsel und Gretel. Von Wagen kann eingenlich nicht mehr die Rede sein. Das Gefährt wurde offensichlich schon seit Jahren nicht mehr bewegt.Im Laufe dieser Zeit wurde es gänzlich umbaut. So ist unter anderem die Sattelitenschlüssel festinstalliert und ein Geräteschuppen wurde auch auf die Parzelle gestellt. Über dessen Inhalt kann man derzeit nur Spekulationen anstelle.
Die Parallelen zu den Flachlandcamper sind nicht zu übersehen (siehe hier). Ob es sich um eine zufällig gleichzeitige und gleichgerichtete Entwicklung handelt oder ob es einen kulturellen Austausch zwischen der Lüneburger Heide und dem Oberharz und damit eine Kommunikation zwischen den beiden Ethnien gibt, werden wir in den kommenden Wochen noch näher erforschen. Doch dies ist erst der Anfang der märchenhaften Entdeckungen, aber später mehr davon.
Das Gelände war ursprünglich mal eine Bergwiese. Nach Westen hinten wird sie stark abschüssig und endet an einem Tümpel mit viel Binsen und Gequacke.Das Gewässer soll Teil des Weltkulturerbes sein.Wenn Schlamm und Stechmücken die Hinterlassenschaft der Menschheit sind, dann möchte ich ganz schnell den Planeten wechseln.
Verkohlts Holz und rußgeschwängerte Stein geben Zeugnis davon, dass die Bergbewohner wohl schon vor längerer Zeit das Feuer gebändigt haben. Die Vielzahl der Feuerstellen deutet daraufhin, dass die Nahrungszubereitung am offenen Feuer bei den Bergwölkern wohl einen hohen Stellenwert genießt. Welche Rolle dabei der Verzehr von vergrillten Fleisch einnimmt, werden wir in einer gesonderten Untersuchung näher betrachten.
Clausthal-Zellerfeld, 20.42 Uhr
In einer Hütte im Osten des Geländes, in der Nähe der Schranke brennt noch Licht. Wir folgen der Einladung und treten zum zweiten Mal an diesem Tag durch ein Zeitportal. Die Gegend scheint mit außergewöhnlichen Phänomen gesegnet. Ich vermute,das Außerirdische hier am Werke sind und beschließe bei der Rückkehr zu unserem Lagerplatz mein Handtuch in Griffnähe zu behalten.
Zur Bedeutung des Handtuchs im interstellaren Verkehr siehe "Per Anhalter durch die Galaxis".

