Sonntag, 7. Juli 2013

Die Reise in das Herz der Finsternis - Teil drei

Möglich aber nicht sinnvoll

Teil zwei

Ein Aufbruch in den frühen Morgenstunden schien uns nicht sinnvoll. Die Platzordnung verbietet das Befahren der Anlage zwischen 12.30 und 14.30 Uhr. Also verlegen wir die Ankunft auf den Nachmittag und damit die Abfahrt in der Heimat auf die Mittagszeit. Der Baedecker nennt keinen Zwischenstopp, den wir unbedingt einhalten müssen. Kurz hinter Bad Harzburg ist sie plötzlich da, die Norddeutsche Tiefebene. Die Berge sind verschwunden, bestenfalls Hügel stehen hier noch rum. Die Höhenanzeige ist unter 200 m NN gefallen. Das ist zuwenig. Die Bordinstrumente blinken, ein penetranter Warnton weckt meine Mitfahrer aus dem Halbschlaf, aus der Fahrzeugdecke fallen Atemmasken. Wir Harzer sind die Flachlandluft nicht gewohnt, zu dick.
Auf Torfhaus hatten wir die Tanks noch mit frischen Gebirgsluft aufgefüllt. Nun sorgt ein ausgeklügeltes Mischsystem dafür, dass wir uns in der nächsten Stunden an die klimatsichen Bedingungen der Steppe gewöhnen. Tjark fällt in den Halbschlaf zurück.
Tammo beobachtet, wie sich die Landschaft verändert. Hinter Schladen sind die letzten Hügel verschwunden, die ausgedehnten Wälder haben einer baumlosen Ödnis Platz gemacht, in der das Auge keinen Halt findet. Die Begriffe "Einheitsbrei, unspektakulär, einfaltslos" gehen mir durch den Kopf. Ein Leben ohne Berge ist möglich, aber sinnlos.
Der Diesel schnurrt, die Bordinstrumente sind wieder im grünen Bereich, die Straße zieht sich wie ein endloses Bahn gen Horizont. Die gleichmäßige Arbeit hält die Betriebstemperatur im unteren Bereich. Nur wenige Kurven lenken den Wagen von seiner Richtung ab, um bald darauf wieder auf den Kurs "Nord" einzuschwenken.
Kurz vor Braunschweig überqueren wir ein zweites Mal die Oker, unsereWege sollen sich später noch einmal kreuzen. Die erinnert uns an unsere unzähligen Begegnungen mit der Iller. "Ist die Oker die Iller des Nordens" fragt meine Frau. Nein, dieser Bach ist dem mächtigen Alpenstrom in keiner Weise ebenbürtig.
Der Braunschweiger Stadtverkehr unterbricht die Monotonie. Autobahnkreuz runter - Autobahnkreuz rauf - rüber - Baustelle - runter - Fahrbahnverengung - Autobahnkreuz rauf - quer verlangt die volle Konzentration des Fahrer.
Von wegen Paris - Roubaix, die Hölle des Nordens beginnt hinter Braunschweig, die B4, kilometerweit schnurgerade, temporeguliert wie die B31 und mindestens genauso viele Radarfallen. Monotonie Der Tod durch Sekundenschlaf lauert hier überall, auch am hellichten Tag. Ich glaube, die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr veröffentlicht dazu keine Statistiken, um Panikreaktionen bei den Autofahrern zu vermeiden. Ein Leben ohne Kurven ist sinnvoll.
Aber wir sind auch Zeugen eines Wunders. Die Tundra wird in Richtung Norden von der Taiga abgelöst. Links und rechts stehen wieder Bäume, abertrausende von Nadelbäumen, damit sind geologische Gewißheiten außer Kraft gesetzt.
Die Eingeborenen scheinen ihren Lebensunterhalt vorwiegend in der Horizontalen zu verdienen. Hinter jedem vierten Baumsteht ein Love-Mobil. Anders formuliert: Das Leben in der Südheide ist nur möglich, weil die Braunschweiger und Wolfsburger viele ihrer bei VW schwer erschufteten Euros verwenden, um die Heidjanerinnen zu unterstützen. Wer sein Geld mit Autos verdient, der gibt es auch im Auto aus.
An den Straßen werden die Behausungen der Ureinwohner sichtbar; kleine Hütten aus roten Ziegelsteinen. Nur die Bewohner bekommen wir in den nächsten 90 Minuten nicht zu Gesicht. Wahrscheinlich bevölkert ein nachtaktiver Menschenschlag diesen Landstrich.

Teil vier

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