Dienstag, 16. Juli 2013

Reise in das Herz der Finsternis Teil sechs

Die Metamorphose der Behausung

Teil fünf

Campingplätze  waren mir durchaus bekannt. Während meiner Kindheit und Jugend und auch in der Adolezenz habe ich viele Wochen auf diesen Stätten der gemeinsamen Freizeitverwaltung verbracht. Lange Jahre war der ADAC-Campingführer mein beständiger Begleiter und noch heute steht ein Exemplar in meinem Bücherregal. Doch noch nie habe ich es unter die Dauercamper geschafft. Diese ureigene Welt bleibt den Touristencampern in aller Regel verschlossen. Für Touristen und Dauercamper gilt immer noch das Regime der Apartheid und der Dauerling gehört zur herschenden Klasse
Manche Heidjaner halten Birken
für Fichten. Fotos: tok
Auf einem ordentlichen deutschen Campingplatz gibt es nicht nur eine Platzordnung. Es gibt auch klare Wegbezeichnungen wie Erlenweg oder Buchenallee. Unser Platz war in der Fichtenallee und das bemerkenswerte daran war, dass am Anfang und am Ende des Weges rechts und links jeweils zwei Birken standen. Zudem hat die Platzleitung vor wenigen Jahren das Gehölz mit zwei Ahörner ergänzt. Somit waren die Nadelgewächs eindeutig in der Unterzahl. Dieses Phänomen konnte auch in den angrenzenden Wegen beobachten: Trotz anders lautender Bezeichnung waren auch dort die Birken eindeutig in der Überzahlung. Überhaupt muss festgestellt werden, dass fast aller größeren Gehölze in der  Savanne nördlich von Gifhorn zur Familie der Betulaceae gehören. Ob die lückenhaften botanische Kenntnisse des Heidjaners, die an der Differenz zwischen Ortsbezeichnung und vorhandener Flora deutlich wird, auf einen Mangel in der Schulbildung zurückzuführen ist? Diese Frage vermag ich nicht zu beantworten und eine Stellungnahme des niedersächsischen Kultusministeriums liegt noch nicht vor.
Das demographische Profil entsprach in etwa dem der Bundesrepublik Deutschland. Zwar waren die oberen Alterskohorten eindeutig in der Überzahl, aber auch die mittlere Generation und die jüngsten Jahrgänge waren merkbar vertreten.
Die Motivation von Eltern, den Urlaub mit den Kindern auf einem Campingplatz zu verbringen, kann nur als Bewältigungsversuch gesehen werden.Sie versuchen das frühkindliche Trauma aus der Zeit unter Dauercampern zu bewältigen, indem sie sich an der nächsten Generation rächen und den Komplex an die eigenen Nachkommenschaft weiterreichen. Einige wenige adulte Mitteleuropäer haben aber das Glück, sich an den Eltern zu rächen, indem sie die Enkelkinder auf die Großeltern in derem unreigenen Revier loslassen, um anschließend schleunigst und ohne Begleitung zu verlassen. In aller Regel kehren erst vierzehn Tage nachdem sie die beiden Generationen ihrem gemeinsamen Schicksal überlassen haben an den Tartort zurück. Die Theorie, dieses Verhalten als eine familientherapeutische Versuchungsaordnung zu interpretieren, sehe als nicht überzeugend an. Zwar läßt sich eine voluntaristische Motivation nicht leugnen, aber der rationale Ansatz kommt hier doch zu kurz.
Dieser Wagen ist in der ersten Stufe der
Verwandlung im Lebens eines Dauercampers.
Die Welt der Touristen und der Dauercamper unterscheidet sich auch in architektonischer Hinsicht deutlich. Während der Tourist auf flüchtige Bauten angewiesen ist, strebt sein Widerpart zu dauerhaften Behausungen. Der Tourist ist ein Nomade. Inspiriert von den Erzählungen an den Feuern der Karawanserei steuert er einen Platz an, passiert die Schranke, stellt sein Wohnmobil ab, baut sein Zelt auf oder bockt seinen Wohnwagen auf. Auch die Errichtung eines Vorzeltes beeinflusst den temporären Charakter nicht grundlegend. Spätestens nach vierzehn Tagen zieht die Karawane weiter. Der Toruist bricht die Zelte ab und zieht seines Weges, den ihn der ADAC-Campingführer weist.
Der Dauercamper ist auf Stetigkeit angelegt. Über viele Jahre und zum Teil über Generationen sucht er den selben Ort der Freizeitverwaltung auf (siehe oben). Hat der Camper sein Revier gefunden, so beginnt auch bald mit der Metamorphose seines Caravans. In der ersten Stufe gesellt sich zu dem auch unter Touristen üblichen Vorzelt ein Überbau für den Wohnwagen, der dessen Dach vor Verunreinigungen schützen soll. In der zweiten Stufe wird der Wohnwagen komplett aufgebockt und die Lücke zwischen Erdboden und Wohnwagen mit senkrechten Waschbetonplatten oder imprägnierten Profilhölzern geschlossen. Damit beendet der Camper das unständige Leben des Caravanisten und wendet sich dauerhaften Dingen zu. Diese Metamorphose von Herr und Gescherr ist im Sinne Kants die Transzendierung der alltäglichen Suche nach den besten Stellplatz in die reine Möglichkeit eines kategorischen Findens.
Die letzte Stufe der Metamorphose: der 
Wohnwagen ist nicht mehr  erkennBAR.
Um das Leben auf beengten Raum etwas auszuweiten sind auch unter deutschen
Dauercampern Mobilheime immer beliebter (zur Abgrenzung: siehe hier). In der Folge wird der ehemals mobile Wohnraum in mehrern Stufen so weit umgebaut und auch umbaut, dass der Kern nicht mehr erkennbar ist. Der Dauercamper schützt so sein Inneres durch ein harte, meist hölzerne Schale. Im Endzustand mobiler Demenz ist der Wohnwagen oder das Mobilheim nicht mehr von der Datsche zu unterscheiden, zumal auch eine entsprechende Dekoration auf dem umliegenden Grundstück und die Installation einer Satellitenschüssel damit verbunden ist. Unser Teil des Campingplatzes war nur durch die fehlenden Beete von einer Kleingartenkolonnie zu unterscheiden.

Teil sieben


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