Der Stamm der Camper
Teil vier
An der Bekleidung kann man den Rang des Stammesmitglieds ablesen. Die Jüngeren sind in aller Regel nur mit einer kurzen Hosen mit vielen aufgenähten Taschen bekleidet. An den Füßen tragen sie häufig Sportschuhe, die einfach über die Füße gestülpt werden. Die bunten Bänder, die aus diesen Schuhen herausschauen, scheinen nur einen dekorativen oder kultischen Zweck zu erfüllen. Einige jüngere Stammesmitglieder tragen einfache Schuhe, die mit Riemen an dem Füßen befestigt. Wenn die Camper das vierzigste Lebensjahr hintersich gelassen haben, dann schmücken sie diese Schuhe noch mit Socken in Weiß oder grau. Ob die Farben ebenfalls einen kultischen Hintergrund haben, bedarf weiteren Forschungen.
Der Oberkörper des Campers ist nicht bekleidet aber bunt geschmückt mit Ornamenten, die mittels Tusche und Nadel aufgebracht werden. Dabei variiert der Umfang der Zeichnungen enorm. Einige Stammesmitglieder haben einzig die Arme bis an die Schulter verziert, andere haben ihren gesamten Oberkörper mit Farbe bedeckt. Es ist zu vermuten, dass der Umfang der Körperbemalung eine Rangordnung wiedergibt. Die These meiner Frau, dass die Form von Bemalung nur der Kriegerkaste vorbehalten ist, muss ich aus mehreren Gründen widersprechen. So fanden sich unter den Bemalten auch etliche Exemplare, de aufgrund ihrer Körperfülle nur schwerlich das Kriegshandwerk ausüben können. Zudem fanden sich unter den älteren Stammesangehörige nur sehr wenige mit ähnlicher Ornamentik und keiner mit einer Körperbemalung in diesem Ausmaß. Dass die gesamte Kriegerkaste früherer Jahre ausgestorben ist, halte ich aber für unwahrscheinlich.
Der Körperschmuck bedient sich meist einer Symbolik, die dem britisch-keltischen Kulturen entliehen ist. Daher ist Kontakt und Austausch mit dem westeuropäischen Raum sehr wahrscheinlich.
Die jüngeren Weibchen sind ähnlich sparsam bekleidet. Auch sie tragen die auffallenden Sportschuhe mit den kultischen Bänder oder aber einfache Schuhe, die nur mit einer Schlaufeüber den großen Zeh Kontakt zum Fuß halten. Bei gehen erzeugen diese Sandalen eine montones zischendes Geräusch, dass man am Besten mit der Klangfolge Flip-Flop-Flip-Flop widergeben kann. Ob dieses Geräusch zufällig ist oder einenpraktischen Nutzen hat, bleibt noch erforschen. Mehrere Tehorien sollten dabei überprüft werden. So kann es sein, dass die wiederkehrende Klangfolge "Flip-Flop-Flip-Flop" die Frauen auf ihren Wegen von der Behausung zum Laden oder zur Waschküche in eine Art Trance versetzt, um diese langen Strecken besser zu überwinden. Vielleicht haben die Trägerinnen damit in einer weit zurückliegenden Vergangenheit beimBeerenpflücken Schlangen, Kröten und anderes Ungetier im Unterholz verscheucht.
Auch viele weibliche Stammesangehörige schmücken ihren Körper mit Tuschezeichnungen. Doch bei den Frauen finden sich diese Ornamente gelegentlich an den Unterschenkel im Übergang von der Wade zu den Knöcheln, häufiger aber ausladend im Bereich des oberen Gesässes. Der Ethnologe M. Mittermeier hat dafür den Begriff "Arschgeweih" eingeführt.
Bei den ältesten Stammesmitgliedern muss man zwei Gruppen unterscheiden. Hier gibt es eine Gruppe, die ähnlich knapp bekleidet ist wie die jüngeren Angehörigen und die sich durch einen schlanken Köperbau auszeichnet. Dieser Gemeinschaft steht die Gruppe der Korpulenten gegenüber, die ihre opulenten Bäuche unter kurzärmeligen Hemden verbirgt.
Beiden Gruppen ist die extreme Bräunung gemeinsam, die weit über das hinaus geht, was man bisher für Mitteleuropäer möglich gehalten hat. Dies läßt vermuten, dass der Dauercamper einen kurzen Teil seiner Zeit an der Sonne verbringt, sei es bei der Pflege des Vorgartens, der Enkelschaft oder auf der Liege.
Die Bekleidung der älteren Frauen läßt sich in zwei Gruppen teilen. Die einen bevorzugen Tarnfarben aus dem Bereich grau bis oliv, die anderen Weibchen kleiden sich knallbunt, vorzugsweise mit Blumenmotiven, die Assoziationen zu südpazifische Kulturen erwecken. Ob es hier wirklich Verbindungen zwischen den beiden Räumen gibt oder wir es nur mit Paralellentwicklungen zu tun, das sollte an anderer Stell untersuchtwerden.
Bei derAlterskohorte zwischen diesen beiden Polen darf nicht unerwähnt bleiben, dass weiblichen Gruppenmitglieder gern zu kurzen und eng anliegen Hosen greifen, die mit einem sackähnlichen Obergewand kontrastiert. Der Rock, das traditionelle Bekleidungsstück der Mitteleuropäerin, ist im Stamme der Dauercamper gänzlich unbekannt.
In langjähriger Dokumentationsarbeit haben Vincon und Koj nachgewiesen, dass sich Camper hauptsächlich von Fleisch ernähren, das im Freien über der offenen Glut zubereitet wird. Die
Ergebnisse dieser Forschung können wir nur im eingeschränkten Maß bestätigen. Wie viele Mitteleuropäer neigt der Stamm der Camper nur an bestimmten Tagen zu dieser Form der Nahrungszubereitung. Welche kultischen Gründe dahinterstecken, das sollte in einer eigenständigen Arbeit ergründet werden.
Der Stamm der Dauercamper, auf den wir trafen, war auch in linguistischer Hinsicht geteilt. Etwa die Hälfte der Stammesmitglieder beherrschten die plattdeutschen Dialekte der norddeutschen Tiefebene, die andere Hälfte bediente sich eines Idioms, das sonst nur in einer großen Stadt weit östlich der Elbe gesprochen wird. Seit den Zeiten des Mauerbaus betrachtet dieser urbane Menschenschlag das östliche Niedersachsen als sein natürliches Rückzugsgebiet. Die Frage, ob sich hinter diesen Ansprüchen ein neoromantischer Impetus hin zum einfachen, ruralen und verklärten Landleben verbirgt, der zugleich auch als Absage an die Beschleunigstendenz der Metropolen zu werten ist, sollte in späteren Arbeiten beantwortet werden. Erkennbar war diese Mischung auch an den Autokennzeichen, die im selben Verhältnis ein Herkunft aus der Region verrieten oder aber ein großes B trugen. Nur sehr wenige Wagen waren in Orten längs des großen Stroms im Westen gemeldet.
Aufgrund der geringen Datenlage können wir nicht berichten, dass dieses Phänomen auch auf anderen Campingplätzen zu beobachten ist. Es bleibt zu vermuten, ob hinter dieser Mischung ein bundesweites Programm zur Vermischung der deutschen Landschaften steckt, dessen Ziel eine Steigerung der innerdeutschen Integration ist. Zwar sind die Dialektgruppen in einem Stamm vereint, bleiben intern aber weitest gehend in eigenen Sprache verhaftet.
Teil sechs