Mittwoch, 17. Juli 2013

Die Reise in das Herz der Finsternis Teil sieben

Die Flora und Fauna

Teil sechs

Der König der Savanne ist der Löwe, der neue König der Lüneburger Heide ist der Wolf (siehe hier). Aber wer ist der König der Tiere auf dem Campingplatz? Der Yorkshire Terrier. An anderen Orten mit den 80er Jahren ausdem Stadtbild nahezu verschwunden scheint der Campingplatz sein letztes Reservat. Zwar muss er sich das Habitat mit anderen Exemplaren der Canidae teilen, darunter mitunter mächtige Doggen. Doch allein die Anzahl macht die Dominanz des Terriers deutlich. Die Evolution hat seinen zierlichen Körperbau bestens an die beengten Wonbedingung angepasst.
Obwohl von geringer Größe trägt Terrier der Camper meist mächtige Namen: Leo, Checker, Killer. Ob sich in der Diskrepanz zwischen Staturund Benennung eine sublime Ironie oder sich Überkompensation minimalistischer Verhältnisse ausdrückt, dies bedarf einer Untersuchung einer ausreichenden Anzahl.
Trotz seines geringen Wuchses zeichnet sich der Yorkshire Terrier als Wachhund aus. Kaum nimmt er den fremden Zweibeiner oder Vierbeiner im Umkreis des rudeleigenen Wohnwagens wahr, verteidigt er kläffend das kanppe Revier, ohne Rücksicht auf die Größe des Eindringlings. Belohnt wird der Heldenmut von Frauchen und Herrchen mit einer neuen Frisur und mit Schleifchen, der Begleiterin desYorkshire seit mehr als 30 Jahren.
Die Königin des Campingplatz ist schwerer auszumachen, sie treibt sich meist am Boden herum, seltener in den Bäumen: Formicidae. Die offene, sonnige Landschaft und das reichhaltige Nahrungsangebot scheint wie geschaffen für die Ameisen.







Dienstag, 16. Juli 2013

Reise in das Herz der Finsternis Teil sechs

Die Metamorphose der Behausung

Teil fünf

Campingplätze  waren mir durchaus bekannt. Während meiner Kindheit und Jugend und auch in der Adolezenz habe ich viele Wochen auf diesen Stätten der gemeinsamen Freizeitverwaltung verbracht. Lange Jahre war der ADAC-Campingführer mein beständiger Begleiter und noch heute steht ein Exemplar in meinem Bücherregal. Doch noch nie habe ich es unter die Dauercamper geschafft. Diese ureigene Welt bleibt den Touristencampern in aller Regel verschlossen. Für Touristen und Dauercamper gilt immer noch das Regime der Apartheid und der Dauerling gehört zur herschenden Klasse
Manche Heidjaner halten Birken
für Fichten. Fotos: tok
Auf einem ordentlichen deutschen Campingplatz gibt es nicht nur eine Platzordnung. Es gibt auch klare Wegbezeichnungen wie Erlenweg oder Buchenallee. Unser Platz war in der Fichtenallee und das bemerkenswerte daran war, dass am Anfang und am Ende des Weges rechts und links jeweils zwei Birken standen. Zudem hat die Platzleitung vor wenigen Jahren das Gehölz mit zwei Ahörner ergänzt. Somit waren die Nadelgewächs eindeutig in der Unterzahl. Dieses Phänomen konnte auch in den angrenzenden Wegen beobachten: Trotz anders lautender Bezeichnung waren auch dort die Birken eindeutig in der Überzahlung. Überhaupt muss festgestellt werden, dass fast aller größeren Gehölze in der  Savanne nördlich von Gifhorn zur Familie der Betulaceae gehören. Ob die lückenhaften botanische Kenntnisse des Heidjaners, die an der Differenz zwischen Ortsbezeichnung und vorhandener Flora deutlich wird, auf einen Mangel in der Schulbildung zurückzuführen ist? Diese Frage vermag ich nicht zu beantworten und eine Stellungnahme des niedersächsischen Kultusministeriums liegt noch nicht vor.
Das demographische Profil entsprach in etwa dem der Bundesrepublik Deutschland. Zwar waren die oberen Alterskohorten eindeutig in der Überzahl, aber auch die mittlere Generation und die jüngsten Jahrgänge waren merkbar vertreten.
Die Motivation von Eltern, den Urlaub mit den Kindern auf einem Campingplatz zu verbringen, kann nur als Bewältigungsversuch gesehen werden.Sie versuchen das frühkindliche Trauma aus der Zeit unter Dauercampern zu bewältigen, indem sie sich an der nächsten Generation rächen und den Komplex an die eigenen Nachkommenschaft weiterreichen. Einige wenige adulte Mitteleuropäer haben aber das Glück, sich an den Eltern zu rächen, indem sie die Enkelkinder auf die Großeltern in derem unreigenen Revier loslassen, um anschließend schleunigst und ohne Begleitung zu verlassen. In aller Regel kehren erst vierzehn Tage nachdem sie die beiden Generationen ihrem gemeinsamen Schicksal überlassen haben an den Tartort zurück. Die Theorie, dieses Verhalten als eine familientherapeutische Versuchungsaordnung zu interpretieren, sehe als nicht überzeugend an. Zwar läßt sich eine voluntaristische Motivation nicht leugnen, aber der rationale Ansatz kommt hier doch zu kurz.
Dieser Wagen ist in der ersten Stufe der
Verwandlung im Lebens eines Dauercampers.
Die Welt der Touristen und der Dauercamper unterscheidet sich auch in architektonischer Hinsicht deutlich. Während der Tourist auf flüchtige Bauten angewiesen ist, strebt sein Widerpart zu dauerhaften Behausungen. Der Tourist ist ein Nomade. Inspiriert von den Erzählungen an den Feuern der Karawanserei steuert er einen Platz an, passiert die Schranke, stellt sein Wohnmobil ab, baut sein Zelt auf oder bockt seinen Wohnwagen auf. Auch die Errichtung eines Vorzeltes beeinflusst den temporären Charakter nicht grundlegend. Spätestens nach vierzehn Tagen zieht die Karawane weiter. Der Toruist bricht die Zelte ab und zieht seines Weges, den ihn der ADAC-Campingführer weist.
Der Dauercamper ist auf Stetigkeit angelegt. Über viele Jahre und zum Teil über Generationen sucht er den selben Ort der Freizeitverwaltung auf (siehe oben). Hat der Camper sein Revier gefunden, so beginnt auch bald mit der Metamorphose seines Caravans. In der ersten Stufe gesellt sich zu dem auch unter Touristen üblichen Vorzelt ein Überbau für den Wohnwagen, der dessen Dach vor Verunreinigungen schützen soll. In der zweiten Stufe wird der Wohnwagen komplett aufgebockt und die Lücke zwischen Erdboden und Wohnwagen mit senkrechten Waschbetonplatten oder imprägnierten Profilhölzern geschlossen. Damit beendet der Camper das unständige Leben des Caravanisten und wendet sich dauerhaften Dingen zu. Diese Metamorphose von Herr und Gescherr ist im Sinne Kants die Transzendierung der alltäglichen Suche nach den besten Stellplatz in die reine Möglichkeit eines kategorischen Findens.
Die letzte Stufe der Metamorphose: der 
Wohnwagen ist nicht mehr  erkennBAR.
Um das Leben auf beengten Raum etwas auszuweiten sind auch unter deutschen
Dauercampern Mobilheime immer beliebter (zur Abgrenzung: siehe hier). In der Folge wird der ehemals mobile Wohnraum in mehrern Stufen so weit umgebaut und auch umbaut, dass der Kern nicht mehr erkennbar ist. Der Dauercamper schützt so sein Inneres durch ein harte, meist hölzerne Schale. Im Endzustand mobiler Demenz ist der Wohnwagen oder das Mobilheim nicht mehr von der Datsche zu unterscheiden, zumal auch eine entsprechende Dekoration auf dem umliegenden Grundstück und die Installation einer Satellitenschüssel damit verbunden ist. Unser Teil des Campingplatzes war nur durch die fehlenden Beete von einer Kleingartenkolonnie zu unterscheiden.

Teil sieben


Die Reise in das Herz der Finsternis - Teil fünf

Der Stamm der Camper

Teil vier

An der Bekleidung kann man den Rang des Stammesmitglieds ablesen. Die Jüngeren sind in aller Regel nur mit einer kurzen Hosen mit vielen aufgenähten Taschen bekleidet. An den Füßen tragen sie häufig Sportschuhe, die einfach über die Füße gestülpt werden. Die bunten Bänder, die aus diesen Schuhen herausschauen, scheinen nur einen dekorativen oder kultischen Zweck zu erfüllen. Einige jüngere Stammesmitglieder tragen einfache Schuhe, die mit Riemen an dem Füßen befestigt. Wenn die Camper das vierzigste Lebensjahr hintersich gelassen haben, dann schmücken sie diese Schuhe noch mit Socken in Weiß oder grau.  Ob die Farben ebenfalls einen kultischen Hintergrund haben, bedarf weiteren Forschungen.
Der Oberkörper des Campers ist nicht bekleidet aber bunt geschmückt mit Ornamenten, die mittels Tusche und Nadel aufgebracht werden. Dabei variiert der Umfang der Zeichnungen enorm. Einige Stammesmitglieder haben einzig die Arme bis an die Schulter verziert, andere haben ihren gesamten Oberkörper mit Farbe bedeckt. Es ist zu vermuten, dass der Umfang der Körperbemalung eine Rangordnung wiedergibt. Die These meiner Frau, dass die Form von Bemalung nur der Kriegerkaste vorbehalten ist, muss ich aus mehreren Gründen widersprechen. So fanden sich unter den Bemalten auch etliche Exemplare, de aufgrund ihrer Körperfülle nur schwerlich das Kriegshandwerk ausüben können. Zudem fanden sich unter den älteren Stammesangehörige nur sehr wenige mit ähnlicher Ornamentik und keiner mit einer Körperbemalung in diesem Ausmaß. Dass die gesamte Kriegerkaste früherer Jahre ausgestorben ist, halte ich aber für unwahrscheinlich.
Der Körperschmuck bedient sich meist einer Symbolik, die dem britisch-keltischen Kulturen entliehen ist. Daher ist Kontakt und Austausch mit dem westeuropäischen Raum sehr wahrscheinlich.
Die jüngeren Weibchen sind ähnlich sparsam bekleidet. Auch sie tragen die auffallenden Sportschuhe mit den kultischen Bänder oder aber einfache Schuhe, die nur mit einer Schlaufeüber den großen Zeh Kontakt zum Fuß halten. Bei gehen erzeugen diese Sandalen eine montones zischendes Geräusch, dass man am Besten mit  der Klangfolge Flip-Flop-Flip-Flop widergeben kann. Ob dieses Geräusch zufällig ist oder einenpraktischen Nutzen hat, bleibt noch erforschen. Mehrere Tehorien sollten dabei überprüft werden. So kann es sein, dass die wiederkehrende Klangfolge "Flip-Flop-Flip-Flop" die Frauen auf ihren Wegen von der Behausung zum Laden oder zur Waschküche in eine Art Trance versetzt, um diese langen Strecken besser zu überwinden. Vielleicht haben die Trägerinnen damit in einer weit zurückliegenden Vergangenheit beimBeerenpflücken Schlangen, Kröten und anderes Ungetier im Unterholz verscheucht.
Auch viele weibliche Stammesangehörige schmücken ihren Körper mit Tuschezeichnungen. Doch bei den Frauen finden sich diese Ornamente gelegentlich an den Unterschenkel im Übergang von der Wade zu den Knöcheln, häufiger aber ausladend im Bereich des oberen Gesässes. Der Ethnologe M. Mittermeier hat dafür den Begriff "Arschgeweih" eingeführt.
Bei den ältesten Stammesmitgliedern muss man zwei Gruppen unterscheiden. Hier gibt es eine Gruppe, die ähnlich knapp bekleidet ist wie die jüngeren Angehörigen und die sich durch einen schlanken Köperbau auszeichnet. Dieser Gemeinschaft steht die Gruppe der Korpulenten gegenüber, die ihre opulenten Bäuche unter kurzärmeligen Hemden verbirgt.
Beiden Gruppen ist die extreme Bräunung gemeinsam, die weit über das hinaus geht, was man bisher für Mitteleuropäer möglich gehalten hat. Dies läßt vermuten, dass der Dauercamper einen kurzen Teil seiner Zeit an der Sonne verbringt, sei es bei der Pflege des Vorgartens, der Enkelschaft oder auf der Liege.
Die Bekleidung der älteren Frauen läßt sich in zwei Gruppen teilen. Die einen bevorzugen Tarnfarben aus dem Bereich grau bis oliv, die anderen Weibchen kleiden sich knallbunt, vorzugsweise mit Blumenmotiven, die Assoziationen zu  südpazifische Kulturen erwecken. Ob es hier wirklich Verbindungen zwischen den beiden Räumen gibt oder wir es nur mit Paralellentwicklungen zu tun, das sollte an anderer Stell untersuchtwerden.
Bei derAlterskohorte zwischen diesen beiden Polen darf nicht unerwähnt bleiben, dass weiblichen Gruppenmitglieder gern zu kurzen und eng anliegen Hosen greifen, die mit einem sackähnlichen Obergewand kontrastiert. Der Rock, das traditionelle Bekleidungsstück der Mitteleuropäerin, ist im Stamme der Dauercamper gänzlich unbekannt.
In langjähriger Dokumentationsarbeit haben Vincon und Koj nachgewiesen, dass sich Camper hauptsächlich von Fleisch ernähren, das im Freien über der offenen Glut zubereitet wird. Die Ergebnisse dieser Forschung können wir nur im eingeschränkten Maß bestätigen. Wie viele Mitteleuropäer neigt der Stamm der Camper nur an bestimmten Tagen zu dieser Form der Nahrungszubereitung. Welche kultischen Gründe dahinterstecken, das sollte in einer eigenständigen Arbeit ergründet werden.
Der Stamm der Dauercamper, auf den wir trafen, war auch in linguistischer Hinsicht geteilt. Etwa die Hälfte der Stammesmitglieder beherrschten die plattdeutschen Dialekte der norddeutschen Tiefebene, die andere Hälfte bediente sich eines Idioms, das sonst nur in einer großen Stadt weit östlich der Elbe gesprochen wird. Seit den Zeiten des Mauerbaus betrachtet dieser urbane Menschenschlag das östliche Niedersachsen als sein natürliches Rückzugsgebiet. Die Frage, ob sich hinter diesen Ansprüchen ein neoromantischer Impetus hin zum einfachen, ruralen und verklärten Landleben verbirgt, der zugleich auch als Absage an die Beschleunigstendenz der Metropolen zu werten ist, sollte in späteren Arbeiten beantwortet werden. Erkennbar war diese Mischung auch an den Autokennzeichen, die im selben Verhältnis ein Herkunft aus der Region verrieten oder aber ein großes B trugen. Nur sehr wenige Wagen waren in Orten längs des großen Stroms im Westen gemeldet.
Aufgrund der geringen Datenlage können wir nicht berichten, dass dieses Phänomen auch auf anderen Campingplätzen zu beobachten ist. Es bleibt zu vermuten, ob hinter dieser Mischung ein bundesweites Programm zur Vermischung der deutschen Landschaften steckt, dessen Ziel eine Steigerung der innerdeutschen Integration ist. Zwar sind die Dialektgruppen in einem Stamm vereint, bleiben intern aber weitest gehend in eigenen Sprache verhaftet.

Teil sechs


Dienstag, 9. Juli 2013

Die Reise in das Herz der Finsternis - Teil vier

Kommunikation ist möglich

Teil drei

Am Nachmittag errreichten wir unser Basislager, der erste Kontakt mit den Einheimischen verläuft erfolgtreich. Meine Mutter hat Recht, der Heidjaner versteht Hochdeutsch, wenn auch erst im dritten Anlauf und nur unter Zurhilfenahme von Händen und Füßen. Dann aber können wir uns verständlich machen.
erreicht
Von diesem Basislager aus werden wir das Herz der
Finsternis weiter erkunden. Fotos: tok
Zu jedem Campingplatz gehört ein Laden, so auch hier. Tammo und ich begutachten das Angebot und wollen vom dem Einwohner etwas erwerben. Hier hatte meine Mutter Unrecht. Der Heidjaner ist nicht zum Tauschhandel bereit. Er akzeptiert keine Glasperlen und Spiegel. Für die Süßwaren und Getränke will er Euros sehen, soweit hat die Zivilisation den Naturburschen schon verdorben. Überhaupt entwickelt der Kapitalismus auf den Campingplätzen in diesem Laden seine volle Kraft in Form des Monopols. Weil die Gesetzgebung die althergebrachte Jagd verbietet und abgeschnitten von jeglicher Nahversorgung sind die Campingplatzbewohner bereit, jeden Preis für die dargebotenen Waren zu zahlen. Selbst Menschen, die in der Zivilisation nicht einmal 15 Cent für ein trockenes Brötchen im Backshop bezahlen, berappen hier allmorgendlich 38 Cent für die selbe Ware. So muss einst der Handel in den Kolonnien funktioniert haben. Aber was fange ich jetzt mit dem ganzen Tand an?

Sonntag, 7. Juli 2013

Die Reise in das Herz der Finsternis - Teil drei

Möglich aber nicht sinnvoll

Teil zwei

Ein Aufbruch in den frühen Morgenstunden schien uns nicht sinnvoll. Die Platzordnung verbietet das Befahren der Anlage zwischen 12.30 und 14.30 Uhr. Also verlegen wir die Ankunft auf den Nachmittag und damit die Abfahrt in der Heimat auf die Mittagszeit. Der Baedecker nennt keinen Zwischenstopp, den wir unbedingt einhalten müssen. Kurz hinter Bad Harzburg ist sie plötzlich da, die Norddeutsche Tiefebene. Die Berge sind verschwunden, bestenfalls Hügel stehen hier noch rum. Die Höhenanzeige ist unter 200 m NN gefallen. Das ist zuwenig. Die Bordinstrumente blinken, ein penetranter Warnton weckt meine Mitfahrer aus dem Halbschlaf, aus der Fahrzeugdecke fallen Atemmasken. Wir Harzer sind die Flachlandluft nicht gewohnt, zu dick.
Auf Torfhaus hatten wir die Tanks noch mit frischen Gebirgsluft aufgefüllt. Nun sorgt ein ausgeklügeltes Mischsystem dafür, dass wir uns in der nächsten Stunden an die klimatsichen Bedingungen der Steppe gewöhnen. Tjark fällt in den Halbschlaf zurück.
Tammo beobachtet, wie sich die Landschaft verändert. Hinter Schladen sind die letzten Hügel verschwunden, die ausgedehnten Wälder haben einer baumlosen Ödnis Platz gemacht, in der das Auge keinen Halt findet. Die Begriffe "Einheitsbrei, unspektakulär, einfaltslos" gehen mir durch den Kopf. Ein Leben ohne Berge ist möglich, aber sinnlos.
Der Diesel schnurrt, die Bordinstrumente sind wieder im grünen Bereich, die Straße zieht sich wie ein endloses Bahn gen Horizont. Die gleichmäßige Arbeit hält die Betriebstemperatur im unteren Bereich. Nur wenige Kurven lenken den Wagen von seiner Richtung ab, um bald darauf wieder auf den Kurs "Nord" einzuschwenken.
Kurz vor Braunschweig überqueren wir ein zweites Mal die Oker, unsereWege sollen sich später noch einmal kreuzen. Die erinnert uns an unsere unzähligen Begegnungen mit der Iller. "Ist die Oker die Iller des Nordens" fragt meine Frau. Nein, dieser Bach ist dem mächtigen Alpenstrom in keiner Weise ebenbürtig.
Der Braunschweiger Stadtverkehr unterbricht die Monotonie. Autobahnkreuz runter - Autobahnkreuz rauf - rüber - Baustelle - runter - Fahrbahnverengung - Autobahnkreuz rauf - quer verlangt die volle Konzentration des Fahrer.
Von wegen Paris - Roubaix, die Hölle des Nordens beginnt hinter Braunschweig, die B4, kilometerweit schnurgerade, temporeguliert wie die B31 und mindestens genauso viele Radarfallen. Monotonie Der Tod durch Sekundenschlaf lauert hier überall, auch am hellichten Tag. Ich glaube, die Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr veröffentlicht dazu keine Statistiken, um Panikreaktionen bei den Autofahrern zu vermeiden. Ein Leben ohne Kurven ist sinnvoll.
Aber wir sind auch Zeugen eines Wunders. Die Tundra wird in Richtung Norden von der Taiga abgelöst. Links und rechts stehen wieder Bäume, abertrausende von Nadelbäumen, damit sind geologische Gewißheiten außer Kraft gesetzt.
Die Eingeborenen scheinen ihren Lebensunterhalt vorwiegend in der Horizontalen zu verdienen. Hinter jedem vierten Baumsteht ein Love-Mobil. Anders formuliert: Das Leben in der Südheide ist nur möglich, weil die Braunschweiger und Wolfsburger viele ihrer bei VW schwer erschufteten Euros verwenden, um die Heidjanerinnen zu unterstützen. Wer sein Geld mit Autos verdient, der gibt es auch im Auto aus.
An den Straßen werden die Behausungen der Ureinwohner sichtbar; kleine Hütten aus roten Ziegelsteinen. Nur die Bewohner bekommen wir in den nächsten 90 Minuten nicht zu Gesicht. Wahrscheinlich bevölkert ein nachtaktiver Menschenschlag diesen Landstrich.

Samstag, 6. Juli 2013

Die Reise in das Herz der Finsternis - Teil zwei

Kurz vor der Abfahrt

Teil eins

Heute morgen habe ich die letzten Vorräte eingekauft. Dauerkekse und Getränke, man soll in manchen Gegenden ja vorsichtig sein mit dem Leitungswasser. Die Tatsache, dass auch google nicht viele Ergebnisse zu "Seuche Lüneburger Heide" liefert, beruhigt mich nur unwesentlich. Zum Abschluss derEinkaufstour habe ich mir ein Matjes-Brötchen gegönnt, um meinen Magen langsam die fremden Speisen zu gewöhnen. Das es in deutschen Supermärkten keine Moskito-Netze gibt, das halte ich für ein deutliches Manko. Hier sollten die Krankenkassen Aufklärungsarbeit leisten. Lambarènè liegt doch in der Nähe von Lüneburg, oder nicht?
Ach ja, angeblich hängt der Norddeutsche ja an jeden zweiten Satz ein "nich?" dran.Ich vertraue aber auf die Versicherung meiner Mutter, dass man sich in dieser Gegend auch mit Händen und Füßen und ohne Dolmetscher verständlich machen kann.
Im Gepäck befindet sich Joseph Conrad, damit ich weiß, was uns im Herz der Finsternis erwartet, Philippe Djian 37,2° le matin, damit ich weiß, was uns auf einem Campingplatz erwartet und Heinrich Heines Harzreise, damit ich mich an die Heimat erinnern kann.


Freitag, 5. Juli 2013

Die Reise in das Herz der Finsternis - Teil eins

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr schlaue Bücher, die auflisten was man getan haben sollten, was man gelesen haben sollte und wo man gewesen sein muss. Nur wenn alle das tun, all das lesen und alle dorthin waren, wo bleibt dann die doch so gepriesene Individualität?
Deshalb musste die Frage "Wo fahren wir dieses Jahr hin?" radikal beantwortet werden: In das Herz der Finsternis, in die Lüneburger Heide. Dorthin, wo die Landschaft "Tal der kleinen Örtze" heißt und gleich nebenan Hans Deppe und Sonja Ziemann gedreht haben. Tal der kleinen Örtze, Bornriether Moor, das klingt doch alles ein wenig nach Okavangodelta.
Als wäre dies nicht schlimm genug, gibt doch noch eine Steigerung. Wir richten unser Basislager inmitten der schwierigsten Sorte Mensch ein, wir gehen unter die Dauercamper.
Vor einer Expedition sollten die Vorräte
deutlich aufgestockt werden. Fotos: tok
Als ich meiner Mutter diese Urlaubspläne beichtete, erklärt sie mich für verrückt und berichtete mir von ihrer Erfahrungen mit dem Land der Schnucken und der Erika. Völlig abgemagert sei sie damals zurückgekehrt und nie wieder wolle sie einen Fuß setzen in die Ödnis zwischen Celle, Soltau und Lüneburg. Auch die Verständigung hätte damals nicht so recht geklappt.
Manchmal muss man mütterlichen Rat missachten. Also begannen die Vorbereitungen am Donnerstag, zwei Tage vor der Abfahrt. Meine Frau besorgte Nahrung, lauter haltbare Sachen, die man auf einem kargen Zweiflammen-Kocher in einem Wohnwagen zubereiten kann. Nudeln, Eintopf und Ravioli.
Am Freitagmittag begab ich mich auf die Jagd nach frischer Ware, die man gefahrlos zweieinhalb Stunden im Auto transportieren kann: Äpfel, Bananen und anders Obst. Nach dem Urteil meiner Mutter ist die Versorgung mit Vitaminen in der kargen Geest-Landschaft nicht unbedingt sichergesellt.
Als ich der Verkäuferin von unserer Zielsetzung erzählt, schaut sie mich mit einigen Befremden an und überbrückte dann die Sprachlosigkeit mit einem schaalen Witz.

Ein stummes "Ach, hör nicht drauf" war meine Antwort. Dann setzte ich mich auf's Fahrrad, um noch ein letztes Mal die Schönheit der heimischen Berge zu erkunden.

Die Lüneburger Heide bei wikipedia.

Ein kleine Filmgeschichte und ein kurzer Song.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Ein Stuhl mit Charakter

Bericht über einen tischlerischen Selbstversuch

Kurz nachdem ich die "Hartz-IV_Möbel" kennenlernte, reifte der Entschluss: Den Kreuzberg 36 Stuhl, den baue ich nach. Irgendwie ist immer awas dazwischen gekommen, andere Projekte, fehlende Baupläne und die Sintflut. Doch am letzten Wochenende habe ich den Vorsatz zur Tat umgewandelt. Nun ist er fertig, der Kreuzberg 36.
Achso. Warum Kreuzberg 36? Nach Angaben von Le van Bo kostet die Erstellung 36,- Euro, dauert 36 Stunden und erinnert an den einst bunten Stadtteil Berlin 36 SO.

Thomas im Meister-Eder-Dress.
Fotos: tok

Sonnabend, 29. Juni:

Das Holz ist gekauft und zwar gleich für zwei Exemplare,etwas mehr als 40,- Euro im Baumarkt Discount. Zwei Bretter Fichte 80 cm mal 40cm, 18 mm Stärke, 20 cm Rundstab 20 mm Durchmesser, zwei Riffelstäbe 8 mm Durchmesser, wird später als Holzdübel gebraucht. Was ich nicht gefunden habe, war der Holzbohrer 8 mm 150mm Länge, mit dem die extra langen Dübellöcher gebohrt werden sollten, dazu später mehr (s.Montag).  Am Abend noch die Aufmaßung gemacht, das soll reichen, diesmal habe ich die Schnittbreite miteingerechnet. Morgen ist auch noch ein Tag

Sonntag, 30. Juni:

Wer solch einen Stuhl schaffen will, der darf auch am siebten Tage nicht ruhen. Manchmal ist es von Vorteil, wenn die Anzahl der Nachbarn überschaubar ist. Außerdem bleibt bei dem Wetter das Tor geschlossen. Der Vormittag geht für das Sägen drauf. Zuerst schneide ich das Sperrholz zu, um es in drei Lagen zu verleimen. Darauswerden Sitzfläche undRückenlehne. Das Projekt ist überhaupt sehr leimintensiv. Die Schraubzwinge ist mein bester Freund. Dabei schwöre ich doch auf die verbindende Wirkung der heiligen Spax.
Das werden am Schluss zwei Stühle sein.
Auf 80 cm Länge sauber mit der Stichsäge zu sägen, das ist schon eine Herausforderung. Andererseits muss ich das Genie von Meister van Bo anerkennen. Aus einem Standaradbrett 80 mal 40 ohne Ausschuss einen Stuhl bauen, Respekt.
Am Nachmittag ist eine Stunde Präzisionsarbeit gefragt und Handarbeit. Mit der Gehrungssäge werden die Querteile angeschrägt, schließlich soll der Kreuzberg 36 eben nicht schnurgerade stehen. Leider ist der Bauplan an dieser Stelle nicht ganz einleuchtend. Als ich mich daran gewöhnt habe, dass es doch den einen oder anderen Zentimeter Ausschuss gibt, geht es voran. Aber nurbis alles gesägt, denn morgen ist auch noch ein Tag.
Weil die Rückenlehne eine dynamische Kehlung
haben soll, wird sie unter Druck verleimt.

Montag, 1. Juli:

Wer solch einen Stuhl schaffen will, der darf nicht zu lange ruhen. Frisch, Gesellen, ans Werk. Wie bereits gesagt, ich habe keinen Holzbohrer 8 mm stark und 150 mm lang, deswegen konnte ich auch keine extra tiefen Löcher durch Teil A und B gleichzeitig bohren. Auch durch D in B hinein ist nicht so einfach. Vor allem halte ich 8 mm Löcher in 18 mm starkes Leimholz für grenzwertig, 6 mm tun es auch.
Aber ich wäre nicht der Erbe von Meister Eder, wenn ich diese Klippe nicht auch umschifft hätte. Natürlich habe ich kein Schraubzwingen mit einer Spannweite von 60 cm. Aber wozu gibt es denn Spanngurte?
Spanngurte ersetzen Schraubzwingen.
Nachdem die Seitenteile abgeleimtwaren, mussten sie mit den angeschrägten C-Teilen verdübelt werden. Wie gesagt, mit einem 8 mm-Bohrer in ein 18 mm starkes Holz ist grenzwertig. Ich setze lieber auf die verbinde Kraft der heiligen Spax. Vom 20 mm-Rundstab müssen dann 4 Stücke in 25 mm Länge gesägt werden und ein Holzdübel wird drin versenkt und verleimt.
Nach dem das ganze Geleime abgebunden hat, musste ich phi mal Daumen rechts und links jeweils zwei Dübellöcher für die Sitzflächenhalter Böbbels bohren. Übrigens 6er Holzdübel tun es auch. Leider läßt die Vorlage beim Zuschnitt der Sitzfläche einiges am Interpretationsspielraum.
Die Böbbels mussten phi mal
Daumen versenkt werden.
Aber gut, der Montag endete damit, dass ich die Sitzfläche mit den Böbbels verleimt und verschraubzwingt. Den erhebenden Moment des Platz nehmens wollte ich für den nächsten Morgen aufsparen.

Dienstag, 2. Juli:

Wer solch einen Stuhl schaffen will, der darf sich auch mal Zeit lassen. Am Dienstagmorgen befreie ich das Holz von Zurrgurten und Schraubzwingen: Kreuzberg 36 ist fertig, zumindestens die erste Ausgabe. Tammo darf die erste Sitzprobe machen. Dann taucht die Frage auf: Wo soll er künftig stehen? Küche oder Wintergarten? Diese Frage werden wir in den kommenden Tagen beantwortet. Wie auch die Frage: In welcher Farbe soll er den lackiert werden? Feuerwehrrot oder Nussbaum oder einfach wachsen? Für Anregungen bin ich dankbar. Einfach in die Kommentarbox schreiben. Vielen Dank.
Fertig!